Mass Effect 3 - Mein Fazit
vom 03.04.2012, 21:07 Uhr

Nachdem AeiaCarol euch vor kurzem an ihren Eindrücken zum Mass-Effect-3-Ende teilhaben ließ, folgt nun hier mein Review zum Spiel. An dieser Stelle werdet ihr auch in Zukunft Reviews, Kolumnen oder sonstige Kommentare unseres Teams finden, also schaut regelmäßig vorbei - und teilt uns in den Foren weiterhin eure Meinungen zum Spiel mit.

Das Spiel
Nach dem Erscheinen von Mass Effect 2 im Jahre 2010 sollte die Geschichte um Shepard gut zwei Jahr später abgeschlossen werden. Natürlich waren die Erwartungen nach dem Vorgänger einigermaßen groß, sicherlich aber auch durch eine merkwürdige Hier-ein-Code-da-ein-Code - Werbekampagne seitens Bioware angeheizt. Das einigermaßen abgespeckte Dragon Age 2, ebenfalls aus dem Hause EA-Bioware, ließ allerdings vorher schon vermuten, dass uns so etwas hier ebenfalls erwarten könnte. In meinem Fall war es eine Mischung aus ordentlicher Vorfreude, gemischt mit einer größeren Portion Skepsis dank EAs Verkaufsmodellen, mit der ich der Veröffentlichung von Mass Effect 3 entgegensah - und die meisten Erwartungen in dieser Hinsicht wurden auch wirklich erfüllt. Aber sehen wir uns mal im Detail an, was das neue Shepard-Abenteuer auf der Playstation 3 taugt.
Die Geschichte
Mass Effect 2 endete mit dem Sieg über die Kollektoren, während jedoch abzusehen ist, dass es zu einer baldigen Reaper-Invasion kommt. Shepard und Kameraden feiern ihren Sieg auf der Normandy, Harbinger nimmt mit seinen Reaper-Streitkräften Kurs auf die Galaxis ... in ME3 findet man sich nun plötzlich auf der Erde wieder; Shepard soll inhaftiert gewesen sein und von seinem Kommando suspendiert.
Was ist da passiert? Was geschah nach den Ereignissen in Mass Effect 2 und was soll dieser komische Zeitsprung? Hier hat man mal wieder die Möglichkeit genutzt, den Spielern zusätzlich Geld aus der Tasche zu ziehen, denn, was zwischen den Spielen geschah, erfährt man nur, wenn man den Zusatzinhalt "Arrival" gespielt hat. Anderenfalls wird man sich während des Spielens öfter fragen, wovon denn nun schon wieder geredet wird, wenn dich z.B. ein Batarianer beschuldigt seinen Heimatplaneten zerstört zu haben ... ah, ja. Ich empfehle in diesem Fall, sich ein zwei Videos zu "Arrival" anzusehen, denn man merkt schon, dass hier eine Lücke in der Handlung klafft (hoffentlich muss man bald nicht auch den Endgegnerkampf eines EA-Spiels dazukaufen).
Ok, Augenbrauen hochgezogen - weitergespielt. Jedenfalls beginnt Mass Effect 3 mit dem Angriff der Reaper auf die Erde. Shepard, wieder im Dienst, wird nun losgeschickt, um so viele Völker wie möglich zu einer Streitmacht zu vereinen und damit gegen die Reaper zu ziehen ... keine einfache Mission ... oder?
Entscheidungsfreiheit?
Zugegeben - die Demo zu Mass Effect 3 gefiel mir nicht besonders. Während das Kampfsystem mehr oder weniger gleich geblieben ist, fielen mir fehlende Entscheidungsmöglichkeiten, automatisch ablaufende Gespräche und ein abgespecktes Dialograd auf. Meine Hoffnung, dass dies im fertigen Spiel vielleicht anders aussehen würde, hat sich später leider schnell zerschlagen. Das Dialograd existiert zwar, wenn man nicht gerade den neu hinzugekommenen Action-Modus auswählt, i.d.R. hat man jedoch nur die Wahl zwischen einer Vorbild-und einer Abtrünnigen-Aktion - neutrale Entgegnungen entfallen ganz und generell gibt es ausreichend Dialogteile, in denen man gar nicht auf das Gespräch einwirken kann. Das ist ärgerlich, denn für mich haben diese dynamischen Dialoge immer einen großen Teil der Mass-Effect-Spiele ausgemacht. Was außerdem auffällt, sind die Auswirkungen mancher Entscheidungen, die man entweder in den Vorgängern getroffen hat oder in Mass Effect 3 treffen muss - sie exstieren in den meisten Fällen gar nicht. Habt ihr euch in Mass Effect dafür entscheiden, Anderson zum Ratsmitglied zu machen? Egal, Udina hat sowieso übernommen. Habt ihr gerade eine Abtrünnigen-Aktion ausgeführt, um jemanden unschädlich zu machen? Das wäre nicht nötig gewesen, denn den gleichen Ausgang hättet ihr auch ohne diese bekommen. Das Bestreben der Entwickler, Mass Effect 3 massentauglicher zu machen, wird hier ziemlich deutlich - während man in den Vorgängern auch bei kleineren Entscheidungen das Gefühl hatte, dass sie ebenfalls etwas änderten (und wenn es nur ein Gespräch war, das anders verlief), gibt es hier ein, zwei größere Entscheidungen - der Rest ändert sich jedoch überhaupt nicht und wird über den Kopf des Spielers hinweg entschieden. Das ist ärgerlich, aber spätestens beim dritten Mal, dass ich das Gefühl hatte, dass es sowieso egal war, für was ich mich in den Vorgängern entschieden habe, hat es wirklich gereicht.
Kampfsystem und Squad
Nichts zu meckern gibt es dagegen am Kampfsystem, das sich nicht großartig von dem der Vorgänger unterscheidet und stellenweise sogar etwas besser von den Hand geht. Deckungen sind nicht mehr so wichtig wie in Mass Effect 2 und einige Stellen kann man sogar sehr gut bestreiten, ohne in Deckung zu gehen. Auffällig ist, dass der Schwierigkeitsgrad insgesamt ordentlich runtergeschraubt wurde und sich Barrieren viel schneller aufladen und man auch Biotiken und Techniken nach schnellerer Abklingdauer wieder einsetzen kann. Wirklich negativ fällt das jedoch nicht auf - die Kämpfe sind actionreich, schnell und machen Spaß. Ich könnte meinen Gegnern stundenlang Biotiken um die Ohren hauen, denn Langeweile kommt hier nicht auf.
Die Waffenvielfalt ist im Vergleich zu ME2 wieder größer geworden und man kann sie wieder mit Modifikationen versehen ... die schiere Anzahl der Waffen hinterläßt hier allerdings ein wenig das Gefühl, dass man durch eine besondere Betonung der Action-Komponente mal wieder die Zielgruppe erhöhen wollte...
Die Anzahl der Squadmitglieder wurde im Vergleich zu Mass Effect 2 wieder deutlich reduziert, wodurch leider auch einige, interessante Charakter wegfielen. Wenn man nun nicht gerade die CE hat und Javik mit ins Team nimmt, darf man sich noch auf seine beiden, alten Haudegen Garrus und Tali freuen, sowie Liara und Ashley bzw. Kaidan aus dem ersten Spiel. Neu dabei ist außerdem James Vega, der ein paar nette Auftritte hat, ansonsten aber eine bessere Ausarbeitung verdient hätte. Auch Charakter aus dem alten Squad trifft man regelmäßig wieder, wobei sich das Wiedersehen mit ihnen aber von Fall zu Fall in der Qualität unterscheidet. Während einige Charaktere sehr packende Szenen spendiert bekommen, hat man das Treffen mit anderen nach der nächsten Mission schon wieder vergessen.
Missionen
Die Anzahl der Missionen hat sich im Vergleich zum Vorgänger leicht erhöht und man kann nun mehrere, wirklich, wirklich unwichtige Nebenaufgaben erfüllen. Ob man Person a im System x Gegenstand s besorgt oder per Scan ein System erkundet und damit gleich die dazugehörige Aufgabe erledigt - für Beschäftigung ist gesorgt, wenn auch nicht gerade schön ausgearbeitet oder anspruchsvoll. Besser gefielen mir da schon die Aufgaben, die ich innerhalb der Citadel erledigen konnte und die Gespräche mit einigen Personen verlangten. Neben den großen Hauptaufgaben gibt es aber außerdem eine handvoll umfangreicher Nebenmissionen, mit denen man eine Weile beschäftigt ist. Zu Belohnung gibt es Credits, Erfahrung und vor allem Kriegsaktivposten, die man benötigt, um eine schlagkräftige Flotte zusammenzustellen.
Wie auch in den Vorgängern hätte ich hier insgesamt gerne noch ein paar Aufgaben mehr gehabt, denn ab einem gewissen Punkt gibt es einfach nichts mehr zu tun. Zwischenzeitlich sorgt eine Mischung aus Nebenmissionen, Interaktion mit den Charakteren auf der Normandy und Herumlaufen auf der Citadel jedoch dazu, dass man auch außerhalb der Hauptmissionen seinen Spaß hat. Auf Minispiele wurde diesmal allerdings komplett verzichtet.
Der Mehrspieler-Modus
Normalerweise spiele ich Spiele nicht gerne im Internet und ziehe es vor, direkt an einer Konsole mit Leuten zu spielen, die auch da sind. Der Mehrspieler-Modus macht dank des gelungenen Kampfsystems aber ordentlich Spaß und selbst, wenn man sich nicht mit anderen Spielern verabredet hat, kommt man problemlos in eine Gruppe, in der das Spielen Spaß macht. Jedenfalls hatte ich bisher nicht das Gefühl, nur Leuten zu begegnen, die wochenlang nichts anderes zu tun hatten und dementsprechend hochgelevelte Charaktere haben. Auch als Neuling kommt man gut rein.
Graphik & Musik
Graphisch hat sich seit Mass Effect 2 nicht unbedingt etwas getan - beide Spiele sehen gut aus, nur wurden für Mass Effect 3 anscheinend ein paar Sachen an der Engine geändert, was ein paar Charakteren etwas schwammige oder schlichtweg nicht gut aussehende Gesichter gibt. Änderungen, wie die von Ashley zur Modepuppe, sind wohl den männlichen Spielern geschuldet, die so etwas sehen wollen, wirken nur leider absolut unpassend und nicht nachvollziehbar.
Die Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Charakters wurden etwas erweitert, wodurch man ein paar ansehnliche Charaktere erschaffen kann.
Was man an Musik zu hören bekommt, ist solide, tritt allerdings oft in den Hintergrund - ich hätte an ein paar Stellen jedenfalls gerne mehr Musik gehört, vor allem diese epischeren Stücke, die es ja grundsätzlich gibt. Vor allem das Finale ist aber, bis auf wenige Ausnahmen, merkwürdig musikarm, was eindeutig verschenktest Potential ist. Ich muss mir wohl den OST mal genauer anhören, denn im Spiel gehen viele Stücke eher unter.
Die Synchronisation ist wieder auf gewohntem Niveau und weiß zu gefallen. Und damit nicht wieder geschrieen wird, dass man Spiele selbstverständlich nur im Original spielen dürfte, weil Übersetzungen per se nichts taugen, muss ich auch mal eine Lanze für die deutsche Sprachausgabe brechen: Sie ist auf durchweg hohem Niveau, wenn man von ein paar Worten absieht, die unglücklich ausgesprochen werden (Oh~mega).
Anmerkung zur PS3-Version
Es wurde von Leistungseinbrüchen und zahlreichen Rucklern auf der PS3 berichtet, was ich jedoch nicht bestätigen kann. Abgesehen vom gelegentlichen Ruckler beim Betreten eines neuen Gebiets, den es auch bei den Vorgängern auf der XBox gab sowie auf anderen Spielen, ruckelte hier nichts. Von "unspielbar" ebenfalls keine Rede.
Was selten vorkommt, ist, dass ein Charakter während einer Sequenz nicht an der richtigen Stelle oder mit dem Rücken zum Gesprächspartner o.ä. steht. Das Problem gab es auch schon im PS3-ME2, auf der XBox allerdings nicht.
Jedenfalls rieche ich hier Übertreibungen, denn das Spiel spielt sich durchweg flüssig (dass ein Spiel durch Ruckler und lange Ladezeiten sogar in Menüs wirklich unspielbar wird, schafft wohl nur Bethesda. *jubel* Auf den nächsten Patch warte ich noch und dann dürfen die kompetenten Heinis mir mein Geld erstatten).
Die Collector's Edition
Gut, ich wusste, dass ich von der CE nicht begeistert sein würde, aber ich war dennoch beim Auspacken enttäuscht, denn die paar Extrateile sind den Aufpreis wirklich nicht wert.
Für den Preis hätte man das Normandy-Bild locker mindestens im A3-Format dazupacken können ... mit dieser Minipostkarte kann man dagegen nicht besonders viel anfangen. Das Stoffding ist ganz nett, auch wenn ich so gesehen nichts damit anfangen kann (aber zum Herumliegen und Angucken, ok). Dann ist da noch der erste von 4 Teilen des Comics ... na, toll. Das Buch ist ganz nett (und enthält auf den ersten Blick zumindest einen dicken Spoiler, bei dem ich schnell weitergeblättert habe), ist aber in anderen CEs, die weniger kosten, längst Standard, ebenso die Metallhülle.
Was mir sehr übel aufstieß, ist die lieblose Verarbeitung der "Box", die an einigen Stellen unsauber geklebt wurde und sowieso nur aus billiger Pappe besteht. Die Gestaltung davon ist so gesehen zwar nett, aber für eine CE hätte man wenigstens einen Weg finden können, um das dicke BBFC-Logo nicht direkt daraufzudrucken, denn das sieht ätzend aus (ich nehme mal an, in Deutschland kriegt man das blaue USK-Ding in all seiner Scheußlichkeit?). Ich habe das BBFC-Furunkel jetzt übermalt und es sieht schon eine ganze Ecke besser aus.
Und die übliche Frechheit: Es gibt nicht einmal in der teuren Version ein Handbuch, was EA sich jetzt wohl immer spart ... die nächsten Spiele von denen kaufe ich nur noch gebraucht, weil es mich bei Gebrauchtspielen nicht so stört, wenn dann mal das Handbuch fehlt...
Außerdem gibt es ein paar digitale Inhalte dazu, wie "From Ashes" (eine kurze Mission, durch die man den besten Begleiter im Spiel freischaltet) und die Musik zum Herunterladen, weil man bei EUR 90 natürlich keine CD mehr beilegen konnte ...
Fazit
Insgesamt ist Mass Effect 3 ein Spiel, das zu spielen sich lohnt und mit dem man gute 30 Stunden lang seinen Spaß hat. Längen gibt es nicht, wodurch es schwerfällt, die Lust am Spiel zu verlieren. Die Kämpfe machen, wie gewohnt, Spaß und außerdem überzeugt der ME2-Nachfolger durch eine packende Inszenierung. Wie bei Dragon Age 2 bereits zu beobachten, wurde hier aber auch einiges beschnitten, um das Spiel massentauglicher zu machen, wie die Dialoge und Entscheidungen und die Interaktion mit den Charakteren und lieblose Nebenmissionen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Leute von EA sich mal wieder anderer Geschäftspraktiken zuwenden, aber das ist wohl unwahrscheinlich. Letztendlich scheinen die Masche mit dem "Online-Pass", das konsequente Fehlen von Handbüchern und nun eben die Vereinfachung von Spielinhalten aufzugehen - bedauerlich, denn mit diesen Ärgernissen und dem deutlichen Gefühl, dass man am Kunden Geld sparen will, hätte einiges an Mass Effect 3 keinen so üblen Beigeschmack gehabt.
Wegen dieser Abschnitte ist Mass Effect 3 auf keinen Fall das beste Spiel der Reihe und vor allem die fehlenden Dialogoptionen und die in den Vorgängern vorgetäuschte, nicht existente Entscheidungsfreiheit fallen hier sehr ins Gewicht. Wer die Vorgänger mochte und wem vor allem die Actionkomponente in den Spielen gefiel, wird mit Mass Effect 3 aber dennoch seinen Spaß haben und darf sich auf ein spannend inszeniertes Abenteuer freuen.

























